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Sehr geehrte stellvertretende Premierminister, sehr
geehrte Gesundheitsminister, Staatssekretäre, stellvertretende
Gesundheitsminister und Unterstaatssekretäre, leitende
Medizinalbeamte und geehrte Delegierte der Mitgliedstaaten und
Vertreter internationaler Organisationen, meine Damen und Herren.
Es ist mir eine Ehre, so viele von Ihnen hier in
Warschau begrüßen zu dürfen. Wir sind hier, um unsere politische
Unterstützung der internationalen Reaktion auf die Tabakepidemie
weiter zu stärken und schnelle Fortschritte im Hinblick auf die
Ausarbeitung und danach die Umsetzung des Anti-Tabak-Rahmenübereinkommens
durch die Mitgliedstaaten der Europäischen Region der WHO und die
Europäische Union zu erleichtern.
Ein wichtiges Ziel dieser Konferenz ist ein
kritischer Rückblick auf die Arbeit, die bisher geleistet wurde, um
den Empfehlungen der Europäischen WHO-Konferenz zur Tabakpolitik von
1998 und den drei aufeinander folgenden Aktionsplänen für ein
tabakfreies Europa Wirkung zu verleihen. Wir müssen im Jahr 2002
Leitlinien für die Ausarbeitung und Annahme des Vierten Aktionsplans
aufstellen. Mit der Konferenz soll auch die partnerschaftliche
Zusammenarbeit unter den Regierungen der Europäischen Region, mit der
Europäischen Union und einer Reihe von nichtstaatlichen
Organisationen, die im Bereich der Anti-Tabak-Maßnahmen tätig sind,
gestärkt werden. Ich hoffe, dass sich diese Konferenz als ein
weiterer wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einem tabakfreien Europa
erweisen wird.
Viele von uns waren im August 2000 in Chicago auf
der 11. Weltkonferenz Tabak oder Gesundheit. Seitdem hat der Tabak
fast sechs Millionen Todesopfer gefordert. Um es geradeheraus zu sagen:
Jede Verzögerung bei der Umsetzung wirksamer Maßnahmen bedeutet mehr
Tote.
Vergessen Sie nicht: Es gibt keine Parallele zu der
Bedrohung, die der Tabak für die Gesundheit der Bevölkerungen
weltweit darstellt. Der Tabak bringt jährlich etwa 4,2 Millionen
Menschen um und ist damit weltweit die größte Einzeltodesursache.
Niederschmetternd ist auch die Zahl der 1,2 Millionen Sterbefälle in
der Europäischen Region. Da der Tabakkonsum überall auf der Welt und
vor allem unter Jugendlichen und in den Entwicklungsländern zunimmt,
werden ihm Ende der 20er Jahre jährlich zehn Millionen Menschen
erliegen.
Die Europäische Region hat viel getan, um dem
Tabakkonsum gegenzusteuern. Doch die Prävalenz des Rauchens ist immer
noch hoch, 38% der Männer und 23% der Frauen rauchen. In elf Ländern
von Osteuropa liegt die Raucherprävalenz unter den Männern bei über
50%. Noch 1996 rauchten in Bulgarien 52,3% der Ärzte. Nur in fünf
europäischen Ländern, nämlich in Finnland, Island, Italien,
Schweden und Slowenien, ist es in den letzten Jahren gelungen, die Prävalenz
des Rauchens unter der erwachsenen Bevölkerung auf unter 25% zu
senken.
Doch nicht nur die hohe Raucherprävalenz unter den
Männern ist besorgniserregend. Nicht weniger beunruhigend ist die
Tendenz, dass immer mehr Frauen und Jugendliche zur Zigarette greifen.
Wir müssen uns deshalb mehr denn je gegen die auf die Zielgruppe der
Frauen und Jugendlichen ausgerichteten Marketing- und Werbeaktivitäten
der Tabakindustrie wehren. Die Tabakindustrie hat jetzt schwerpunktmäßig
andere Gruppen im Visier. Erst waren es die Männer in den Ländern
mit hohem Einkommen, jetzt sind es die Frauen in diesen Ländern und
die Männer in den Ländern mit niedrigem Einkommen. Die Folgen sehen
wir bereits: In den meisten Ländern mit hohem Einkommen rauchen die
Frauen heute wie die Männer und allmählich sterben sie auch wie die
Männer.
Nach den Angaben des von der WHO und den Centers
for Disease Control and Prevention in den USA entwickelten Globalen
Jugend-Tabak-Surveys sind Schulkinder der Altersgruppe 13–15 Jahre
stark durch das Passivrauchen belastet. Auch hier in Warschau leben
sieben von zehn Schülern in Familien, in denen andere rauchen, und
sie sind in öffentlichen Räumen dem Tabakrauch ausgesetzt. Aus der
Untersuchung, die an 75 Orten in 43 verschiedenen Ländern durchgeführt
wurde, geht hervor, dass fast 25% der Schüler im Alter von zehn
Jahren bereits ihre erste Zigarette geraucht haben. Die Daten zeigen
auch, dass sechs von zehn Schülern, die rauchen, das Rauchen gern
aufgeben möchten, was beweist, wie wichtig die Raucherentwöhnung
nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Jugendliche ist.
Die Botschaft ist deutlich: Das Marketing der
Tabakindustrie darf auf keinen Fall mit Jugendveranstaltungen
zusammengebracht werden. Wesentlich ist, dass man von der
Tabakindustrie kein Geld für Präventionskampagnen unter Jugendlichen
annimmt. Ich weiß, dass man an viele von Ihnen diesbezüglich bereits
herangetreten ist.
Warum sage ich das so hartnäckig?
Die von der Tabakindustrie finanzierten Programme,
die Jugendliche am Rauchen hindern sollen, erzählen der Jugend, dass
das Rauchen eine Gewohnheit von Erwachsenen ist. Die Mütter und Väter
unter Ihnen wissen genau, dass es keinen größeren Anreiz zum Rauchen
gibt, als wenn man es mit dem Erwachsensein verbindet. Die von der
Industrie unterstützten Jugendkampagnen liegen schief, sie treiben
tendenziell den Konsum in die Höhe. Lassen Sie sich nicht ahnungslos
vor den Karren der Tabakindustrie spannen, die versucht, ihren
zweifelhaften Ruf aufzubessern.
Wie bereits gesagt, ist der Tabak in der Europäischen
Region der WHO jährlich für 1,2 Millionen Sterbefälle
verantwortlich. In den letzten zehn Jahren waren in den Ländern, in
denen starke Anti-Tabak-Maßnahmen durchgeführt wurden, rückläufige
Sterbeziffern zu beobachten. Doch in den Ländern, wo Marketing und
Werbung der Tabakindustrie weiterhin unkontrolliert bleiben, bleibt
auch die Gefahr bestehen. Hier muss dringend Abhilfe geschaffen werden.
Europa bleibt ein wichtiger Zielmarkt der
Tabakindustrie. Es gibt unzählige Beispiele für gerissenes
Marketing. British American Tobacco (BAT) eröffnete in Amsterdam eine
Kette von Tabakgeschäften mit dem Namen „Lucky Strike", die
sich auf das Marktsegment der 18–25-Jährigen konzentrieren. Neben
Tabakerzeugnissen und Zubehör verkaufen die Geschäfte auch
Zeitschriften, Zeitungen, Getränke und Esswaren. Man bietet auch eine
Ruhezone mit Musik und kostenlosem Kaffee an. Wenn die Amsterdamer
Geschäfte Erfolg haben, wird das Konzept international ausgeweitet.
Kalifornien ist ein gutes Beispiel dafür, wie man dieser aggressiven
Marketingstrategie begegnen kann. Der Bundesstaat hat das Problem,
dass die kritische Altersgruppe der 18–25-Jährigen so direkt
angesprochen wird, durch das Rauchverbot in Bars und Pubs gelöst.
Die Industrie nutzt auch weiterhin den Sport aus,
um ihre tödlichen Produkte zu verkaufen. In Ungarn laufen sponsorgestützte
Sportveranstaltungen wie der ungarische Marlboro Grand Prix trotz des
am 1. Januar 2002 in Kraft getretenen Werbeverbots weiter. Ein anderes
Beispiel bietet Imperial Tobacco, das Unternehmen ist weiterhin
Sponsor eines Motorradsportevents in Nordirland.
Ich möchte gern wiederholen, dass der Tabak eine
übertragene Krankheit ist, übertragen durch Werbung und Sponsortätigkeit.
Eine besonders gemeine Art dieses Marketingvorstoßes findet man
weltweit in Sportstadien und auf Sportplätzen. Die Tabakunternehmen
behaupten, dass sich ihre Werbung nicht gezielt an Jugendliche richtet,
in der Praxis sorgen sie jedoch dafür, dass Sponsortätigkeiten und
Werbung bei Veranstaltungen, die von Jugendlichen besucht werden und für
diese attraktiv sind, besonders gepflegt werden.
Jetzt wollen die Menschen Taten sehen. Als Antwort
auf den globalen Aufruf zum Handeln hat die WHO eine Kampagne ins
Leben gerufen, die bewirken soll, dass alle Formen von Tabak aus dem
Sport verschwinden. Das heißt Tabakkonsum und Belastung durch
Passivrauchen, Werbung, Verkaufsförderung und Marketing. Ich war bei
den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City um mitzufeiern, dass
die Spiele rauchfrei sind. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen,
Kofi Annan, und Dr. Jacques Rogge, der Präsident des Internationalen
Olympischen Komitees schlossen sich meinem Wunsch an, dass dies so
bleiben möge.
In diesem Jahr fällt der Nichtrauchertag am 31.
Mai auf den Tag der Eröffnung der Fußballweltmeisterschaft in der
Republik Korea. Die gesamte in Korea und Japan ausgetragene
Weltmeisterschaft wird tabakfrei sein. Ich bitte Sie alle eindringlich,
sich dieser Bewegung für Sport ohne Rauch anzuschließen und Ihre Bevölkerung
vor den tödlichen Marketingpraktiken der Tabakunternehmen zu schützen.
Wachsam müssen wir auch auf andere
Marketingtechniken der Tabakindustrie reagieren. Die Unternehmen
versuchen nämlich nicht nur, an die Jugend heranzukommen und sich in
Sportprogramme einzukaufen, sondern auch anderweitig Goodwill zu
erwerben. Dazu gehört die gezielte Verkaufsförderung in
Bildungseinrichtungen und wissenschaftlichen Institutionen. Die
Universität Nottingham im Vereinigten Königreich hat vor kurzem von
der British American Tobacco 3,8 Millionen Pfund Sterling angenommen,
die der Schaffung eines Internationalen Zentrums für
Unternehmensverantwortung dienen sollen. Aus Protest gab Richard
Smith, der Redakteur des British Medical Journal, seine Stelle als
Professor für Medizinjournalismus an der Universität auf. Auch die
Medien bilden keine Ausnahme. Kürzlich wurde bekannt, dass Roger
Scruton, ein Journalist im Vereinigten Königreich, von Japan Tobacco
International dafür bezahlt worden war, Artikel zu schreiben, in
denen die WHO und Anti-Tabak-Maßnahmen kritisiert wurden, was enthüllte,
dass eine konzertierte Kampagne gegen das globale Abkommen läuft, über
das Sie zur Zeit verhandeln. Diese Beziehung zu Japan Tobacco
verschwieg er in seinen Artikeln, die er für The Financial Times, The
Guardian, The Independent und für die europäische Ausgabe des Wall
Street Journal schrieb und in denen er gegen Anti-Tabak-Maßnahmen
wetterte.
Viele Länder dieser Region sind energisch gegen
die vom Tabak ausgehende tödliche Bedrohung vorgegangen. Hier in
Polen wurden strenge Gesetze eingeführt, die die Förderung von
Nichtraucherzonen vorsehen, gesundheitliche Warnhinweise auf
Zigarettenpackungen vorschreiben und die Werbung verbieten. Das österreichische
Parlament verabschiedete vor kurzem ein Gesetz zum Schutz der
Arbeitnehmer vor Passivrauch, mit dem das Rauchen an den meisten
Arbeitsplätzen verboten wird. Im Vereinigten Königreich werden die
Einnahmen aus erhöhten Verbrauchssteuern für eine verschärfte Bekämpfung
des Schmuggels eingesetzt. In der Russischen Föderation ist ein neues
Gesetz in Kraft getreten, das das Rauchen in öffentlichen Räumen
verbietet. Den Tabakunternehmen wurde auch auferlegt, auf die
Vorderseite und die Schmalseiten von Zigarettenpackungen
gesundheitliche Warnhinweise aufzudrucken und neue Normen für den
Teer- und Nikotingehalt von Zigaretten zu befolgen. Kanada und
Brasilien sind die Pioniere dieser Bewegung. Sie verlangen auf den
Packungen gesundheitliche Warnhinweise und realistische Bilder und
verbieten irreführende Darstellungen auf Zigarettenpackungen.
Sie haben bereits viele Schritte unternommen, doch
wir sind noch nicht weit genug gegangen.
Die Passivraucher der Region müssen aktiv werden
und ihr Recht auf saubere Luft einfordern. Sie dürfen sich nicht von
den Selbstbeschränkungsmaßnahmen der Industrie einlullen lassen.
Gesetze, die sich gegen die Belastung durch das Passivrauchen richten,
müssen von den Regierungen als Instrument zur Steuerung des
Tabakkonsums höheren Stellenwert erhalten.
Wir fordern Sie auch zu wirtschaftlichen Maßnahmen
auf. Die Weltbank hat festgestellt, dass Steuer- und Preiserhöhungen
die wirksamsten Mechanismen zur Steuerung der Nachfrage nach
Tabakerzeugnissen darstellen. Eine Anhebung der Preise für
Tabakerzeugnisse ist die effektivste Methode zur Eindämmung der Prävalenz
des Rauchens und des Konsums von Tabakprodukten. Sie kann auch
bewirken, dass derzeitige Raucher weniger häufig zur Zigarette
greifen oder sich sogar davon überzeugen lassen, dass es sinnvoll wäre,
das Rauchen aufzugeben. Außerdem kann sie mit verhindern, dass
ehemalige Raucher rückfällig werden.
Steigende Tabakpreise beeinflussen vor allem das
Verhalten der Jugendlichen und der Armen, die normalerweise auf
Preisanstiege stärker reagieren als ältere oder wohlhabendere
Personen.
In letzter Zeit haben mehrere Länder wie z. B.
Frankreich, Irland, Kanada, Südafrika, Thailand und das Vereinigte Königreich
erkannt, dass sich eine Anhebung der Tabakpreise positiv auf die
Gesundheit ihrer Bevölkerung auswirken kann, und deshalb die
Tabakpreise erhöht, um den Gesundheitszustand ihrer Bevölkerung zu
verbessern.
Die Tatsache, dass die Tabakproduktion jedes Jahr
mit einer Milliarde Euro subventioniert wird, kann nicht mehr übergangen
werden. Ich schließe mich David Byrne, dem EU-Kommissar für
Gesundheit und Verbraucherschutz an, der den Abbau der
Tabaksubventionen in dieser Region gefordert hat, weil dies ein Schlüsselelement
für die Entwicklung einer umfassenden und kohärenten europäischen
Anti-Tabak-Strategie sei.
Der kürzlich veröffentlichte Bericht der
Kommission für Makroökonomie und Gesundheit unterstreicht die
Bedeutung von Anti-Tabak-Maßnahmen. Er zeigt, dass in den armen Ländern
einige wenige Erkrankungen für einen hohen Anteil der vermeidbaren
Sterbefälle verantwortlich sind und zielgerichtete Maßnahmen jedes
Jahr das Leben von Millionen von Menschen retten könnten.
Tabakbedingte Erkrankungen zählen zu diesen gesundheitlichen Beeinträchtigungen,
was die Steuerung des Tabakkonsums für die Regierungen zu einer
kostenwirksamen Investition macht.
Das Anti-Tabak-Rahmenübereinkommen, das Sie hier
erörtern werden, ist Teil der globalen Lösung des weltweiten
Tabakproblems. Das Ziel des Vertrags und der von Ihnen geführten
Verhandlungen ist die Rettung von Menschenleben. Das ist der kleinste
gemeinsame Nenner, den sich die Welt leisten kann.
Wir bitten Sie eindringlich, den
Verhandlungsprozess transparent zu gestalten und den ungebührlichen
Einfluss der Tabakindustrie zu unterbinden. Alle sollten
zusammenarbeiten, damit wir ein wirksames Abkommen aushandeln, das
alle Länder schützt. EU-Beitrittskandidaten und Entwicklungsländer
überall auf der Welt können auf diesem Weg vorangehen und einigen
Industriestaaten, die noch immer an den Tabak gebunden sind, die
Richtung weisen. Niemals dürfen uns kurzfristige Gründe dazu bewegen,
die Meßlatte tiefer zu legen. Sie muss oben bleiben: Das bedeutet gesündere
Menschen und gesündere Menschen bedeuten weniger Armut.
EU-Kommissar Byrne sagte erst kürzlich: „Je mehr
Fortschritte wir weltweit bei Anti-Tabak-Maßnahmen machen, umso mehr
Leben können wir vor dieser Epidemie retten, und alle Beteiligten müssen
auf diesem Weg harte Entscheidungen fällen." Wir sind der
zuversichtlichen Überzeugung, dass die Regierungen ihre Verhandlungen
bis 2003 mit einem starken Anti-Tabak-Rahmenübereinkommen abschließen
werden, das danach von jedem einzelnen Mitgliedstaat umgesetzt werden
muss.
Alle acht Sekunden stirbt ein Mensch an den Folgen
des Tabakkonsums.
Arbeiten wir alle gemeinsam daran, den Tabak in den
Griff zu bekommen – um der Gesundheit unserer Länder und der
Gesundheit unserer Kinder und Enkel willen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
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