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Office of the Director-General

World Health Organization
Organisation mondiale de la Santé

UPDATED: Mon Mar 18 14:18:32 2002

Dr. Gro Harlem Brundtland        
Generaldirektorin Weltgesundheitsorganisation

Warschau
18. Februar 2002

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Europäische ministerielle WHO-Konferenz: Für ein tabakfreies Europa

Sehr geehrte stellvertretende Premierminister, sehr geehrte Gesundheitsminister, Staatssekretäre, stellvertretende Gesundheitsminister und Unterstaatssekretäre, leitende Medizinalbeamte und geehrte Delegierte der Mitgliedstaaten und Vertreter internationaler Organisationen, meine Damen und Herren.

Es ist mir eine Ehre, so viele von Ihnen hier in Warschau begrüßen zu dürfen. Wir sind hier, um unsere politische Unterstützung der internationalen Reaktion auf die Tabakepidemie weiter zu stärken und schnelle Fortschritte im Hinblick auf die Ausarbeitung und danach die Umsetzung des Anti-Tabak-Rahmenübereinkommens durch die Mitgliedstaaten der Europäischen Region der WHO und die Europäische Union zu erleichtern.

Ein wichtiges Ziel dieser Konferenz ist ein kritischer Rückblick auf die Arbeit, die bisher geleistet wurde, um den Empfehlungen der Europäischen WHO-Konferenz zur Tabakpolitik von 1998 und den drei aufeinander folgenden Aktionsplänen für ein tabakfreies Europa Wirkung zu verleihen. Wir müssen im Jahr 2002 Leitlinien für die Ausarbeitung und Annahme des Vierten Aktionsplans aufstellen. Mit der Konferenz soll auch die partnerschaftliche Zusammenarbeit unter den Regierungen der Europäischen Region, mit der Europäischen Union und einer Reihe von nichtstaatlichen Organisationen, die im Bereich der Anti-Tabak-Maßnahmen tätig sind, gestärkt werden. Ich hoffe, dass sich diese Konferenz als ein weiterer wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einem tabakfreien Europa erweisen wird.

Viele von uns waren im August 2000 in Chicago auf der 11. Weltkonferenz Tabak oder Gesundheit. Seitdem hat der Tabak fast sechs Millionen Todesopfer gefordert. Um es geradeheraus zu sagen: Jede Verzögerung bei der Umsetzung wirksamer Maßnahmen bedeutet mehr Tote.

Vergessen Sie nicht: Es gibt keine Parallele zu der Bedrohung, die der Tabak für die Gesundheit der Bevölkerungen weltweit darstellt. Der Tabak bringt jährlich etwa 4,2 Millionen Menschen um und ist damit weltweit die größte Einzeltodesursache. Niederschmetternd ist auch die Zahl der 1,2 Millionen Sterbefälle in der Europäischen Region. Da der Tabakkonsum überall auf der Welt und vor allem unter Jugendlichen und in den Entwicklungsländern zunimmt, werden ihm Ende der 20er Jahre jährlich zehn Millionen Menschen erliegen.

Die Europäische Region hat viel getan, um dem Tabakkonsum gegenzusteuern. Doch die Prävalenz des Rauchens ist immer noch hoch, 38% der Männer und 23% der Frauen rauchen. In elf Ländern von Osteuropa liegt die Raucherprävalenz unter den Männern bei über 50%. Noch 1996 rauchten in Bulgarien 52,3% der Ärzte. Nur in fünf europäischen Ländern, nämlich in Finnland, Island, Italien, Schweden und Slowenien, ist es in den letzten Jahren gelungen, die Prävalenz des Rauchens unter der erwachsenen Bevölkerung auf unter 25% zu senken.

Doch nicht nur die hohe Raucherprävalenz unter den Männern ist besorgniserregend. Nicht weniger beunruhigend ist die Tendenz, dass immer mehr Frauen und Jugendliche zur Zigarette greifen. Wir müssen uns deshalb mehr denn je gegen die auf die Zielgruppe der Frauen und Jugendlichen ausgerichteten Marketing- und Werbeaktivitäten der Tabakindustrie wehren. Die Tabakindustrie hat jetzt schwerpunktmäßig andere Gruppen im Visier. Erst waren es die Männer in den Ländern mit hohem Einkommen, jetzt sind es die Frauen in diesen Ländern und die Männer in den Ländern mit niedrigem Einkommen. Die Folgen sehen wir bereits: In den meisten Ländern mit hohem Einkommen rauchen die Frauen heute wie die Männer und allmählich sterben sie auch wie die Männer.

Nach den Angaben des von der WHO und den Centers for Disease Control and Prevention in den USA entwickelten Globalen Jugend-Tabak-Surveys sind Schulkinder der Altersgruppe 13–15 Jahre stark durch das Passivrauchen belastet. Auch hier in Warschau leben sieben von zehn Schülern in Familien, in denen andere rauchen, und sie sind in öffentlichen Räumen dem Tabakrauch ausgesetzt. Aus der Untersuchung, die an 75 Orten in 43 verschiedenen Ländern durchgeführt wurde, geht hervor, dass fast 25% der Schüler im Alter von zehn Jahren bereits ihre erste Zigarette geraucht haben. Die Daten zeigen auch, dass sechs von zehn Schülern, die rauchen, das Rauchen gern aufgeben möchten, was beweist, wie wichtig die Raucherentwöhnung nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Jugendliche ist.

Die Botschaft ist deutlich: Das Marketing der Tabakindustrie darf auf keinen Fall mit Jugendveranstaltungen zusammengebracht werden. Wesentlich ist, dass man von der Tabakindustrie kein Geld für Präventionskampagnen unter Jugendlichen annimmt. Ich weiß, dass man an viele von Ihnen diesbezüglich bereits herangetreten ist.

Warum sage ich das so hartnäckig?

Die von der Tabakindustrie finanzierten Programme, die Jugendliche am Rauchen hindern sollen, erzählen der Jugend, dass das Rauchen eine Gewohnheit von Erwachsenen ist. Die Mütter und Väter unter Ihnen wissen genau, dass es keinen größeren Anreiz zum Rauchen gibt, als wenn man es mit dem Erwachsensein verbindet. Die von der Industrie unterstützten Jugendkampagnen liegen schief, sie treiben tendenziell den Konsum in die Höhe. Lassen Sie sich nicht ahnungslos vor den Karren der Tabakindustrie spannen, die versucht, ihren zweifelhaften Ruf aufzubessern.

Wie bereits gesagt, ist der Tabak in der Europäischen Region der WHO jährlich für 1,2 Millionen Sterbefälle verantwortlich. In den letzten zehn Jahren waren in den Ländern, in denen starke Anti-Tabak-Maßnahmen durchgeführt wurden, rückläufige Sterbeziffern zu beobachten. Doch in den Ländern, wo Marketing und Werbung der Tabakindustrie weiterhin unkontrolliert bleiben, bleibt auch die Gefahr bestehen. Hier muss dringend Abhilfe geschaffen werden.

Europa bleibt ein wichtiger Zielmarkt der Tabakindustrie. Es gibt unzählige Beispiele für gerissenes Marketing. British American Tobacco (BAT) eröffnete in Amsterdam eine Kette von Tabakgeschäften mit dem Namen „Lucky Strike", die sich auf das Marktsegment der 18–25-Jährigen konzentrieren. Neben Tabakerzeugnissen und Zubehör verkaufen die Geschäfte auch Zeitschriften, Zeitungen, Getränke und Esswaren. Man bietet auch eine Ruhezone mit Musik und kostenlosem Kaffee an. Wenn die Amsterdamer Geschäfte Erfolg haben, wird das Konzept international ausgeweitet. Kalifornien ist ein gutes Beispiel dafür, wie man dieser aggressiven Marketingstrategie begegnen kann. Der Bundesstaat hat das Problem, dass die kritische Altersgruppe der 18–25-Jährigen so direkt angesprochen wird, durch das Rauchverbot in Bars und Pubs gelöst.

Die Industrie nutzt auch weiterhin den Sport aus, um ihre tödlichen Produkte zu verkaufen. In Ungarn laufen sponsorgestützte Sportveranstaltungen wie der ungarische Marlboro Grand Prix trotz des am 1. Januar 2002 in Kraft getretenen Werbeverbots weiter. Ein anderes Beispiel bietet Imperial Tobacco, das Unternehmen ist weiterhin Sponsor eines Motorradsportevents in Nordirland.

Ich möchte gern wiederholen, dass der Tabak eine übertragene Krankheit ist, übertragen durch Werbung und Sponsortätigkeit. Eine besonders gemeine Art dieses Marketingvorstoßes findet man weltweit in Sportstadien und auf Sportplätzen. Die Tabakunternehmen behaupten, dass sich ihre Werbung nicht gezielt an Jugendliche richtet, in der Praxis sorgen sie jedoch dafür, dass Sponsortätigkeiten und Werbung bei Veranstaltungen, die von Jugendlichen besucht werden und für diese attraktiv sind, besonders gepflegt werden.

Jetzt wollen die Menschen Taten sehen. Als Antwort auf den globalen Aufruf zum Handeln hat die WHO eine Kampagne ins Leben gerufen, die bewirken soll, dass alle Formen von Tabak aus dem Sport verschwinden. Das heißt Tabakkonsum und Belastung durch Passivrauchen, Werbung, Verkaufsförderung und Marketing. Ich war bei den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City um mitzufeiern, dass die Spiele rauchfrei sind. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, und Dr. Jacques Rogge, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees schlossen sich meinem Wunsch an, dass dies so bleiben möge.

In diesem Jahr fällt der Nichtrauchertag am 31. Mai auf den Tag der Eröffnung der Fußballweltmeisterschaft in der Republik Korea. Die gesamte in Korea und Japan ausgetragene Weltmeisterschaft wird tabakfrei sein. Ich bitte Sie alle eindringlich, sich dieser Bewegung für Sport ohne Rauch anzuschließen und Ihre Bevölkerung vor den tödlichen Marketingpraktiken der Tabakunternehmen zu schützen.

Wachsam müssen wir auch auf andere Marketingtechniken der Tabakindustrie reagieren. Die Unternehmen versuchen nämlich nicht nur, an die Jugend heranzukommen und sich in Sportprogramme einzukaufen, sondern auch anderweitig Goodwill zu erwerben. Dazu gehört die gezielte Verkaufsförderung in Bildungseinrichtungen und wissenschaftlichen Institutionen. Die Universität Nottingham im Vereinigten Königreich hat vor kurzem von der British American Tobacco 3,8 Millionen Pfund Sterling angenommen, die der Schaffung eines Internationalen Zentrums für Unternehmensverantwortung dienen sollen. Aus Protest gab Richard Smith, der Redakteur des British Medical Journal, seine Stelle als Professor für Medizinjournalismus an der Universität auf. Auch die Medien bilden keine Ausnahme. Kürzlich wurde bekannt, dass Roger Scruton, ein Journalist im Vereinigten Königreich, von Japan Tobacco International dafür bezahlt worden war, Artikel zu schreiben, in denen die WHO und Anti-Tabak-Maßnahmen kritisiert wurden, was enthüllte, dass eine konzertierte Kampagne gegen das globale Abkommen läuft, über das Sie zur Zeit verhandeln. Diese Beziehung zu Japan Tobacco verschwieg er in seinen Artikeln, die er für The Financial Times, The Guardian, The Independent und für die europäische Ausgabe des Wall Street Journal schrieb und in denen er gegen Anti-Tabak-Maßnahmen wetterte.

Viele Länder dieser Region sind energisch gegen die vom Tabak ausgehende tödliche Bedrohung vorgegangen. Hier in Polen wurden strenge Gesetze eingeführt, die die Förderung von Nichtraucherzonen vorsehen, gesundheitliche Warnhinweise auf Zigarettenpackungen vorschreiben und die Werbung verbieten. Das österreichische Parlament verabschiedete vor kurzem ein Gesetz zum Schutz der Arbeitnehmer vor Passivrauch, mit dem das Rauchen an den meisten Arbeitsplätzen verboten wird. Im Vereinigten Königreich werden die Einnahmen aus erhöhten Verbrauchssteuern für eine verschärfte Bekämpfung des Schmuggels eingesetzt. In der Russischen Föderation ist ein neues Gesetz in Kraft getreten, das das Rauchen in öffentlichen Räumen verbietet. Den Tabakunternehmen wurde auch auferlegt, auf die Vorderseite und die Schmalseiten von Zigarettenpackungen gesundheitliche Warnhinweise aufzudrucken und neue Normen für den Teer- und Nikotingehalt von Zigaretten zu befolgen. Kanada und Brasilien sind die Pioniere dieser Bewegung. Sie verlangen auf den Packungen gesundheitliche Warnhinweise und realistische Bilder und verbieten irreführende Darstellungen auf Zigarettenpackungen.

Sie haben bereits viele Schritte unternommen, doch wir sind noch nicht weit genug gegangen.

Die Passivraucher der Region müssen aktiv werden und ihr Recht auf saubere Luft einfordern. Sie dürfen sich nicht von den Selbstbeschränkungsmaßnahmen der Industrie einlullen lassen. Gesetze, die sich gegen die Belastung durch das Passivrauchen richten, müssen von den Regierungen als Instrument zur Steuerung des Tabakkonsums höheren Stellenwert erhalten.

Wir fordern Sie auch zu wirtschaftlichen Maßnahmen auf. Die Weltbank hat festgestellt, dass Steuer- und Preiserhöhungen die wirksamsten Mechanismen zur Steuerung der Nachfrage nach Tabakerzeugnissen darstellen. Eine Anhebung der Preise für Tabakerzeugnisse ist die effektivste Methode zur Eindämmung der Prävalenz des Rauchens und des Konsums von Tabakprodukten. Sie kann auch bewirken, dass derzeitige Raucher weniger häufig zur Zigarette greifen oder sich sogar davon überzeugen lassen, dass es sinnvoll wäre, das Rauchen aufzugeben. Außerdem kann sie mit verhindern, dass ehemalige Raucher rückfällig werden.

Steigende Tabakpreise beeinflussen vor allem das Verhalten der Jugendlichen und der Armen, die normalerweise auf Preisanstiege stärker reagieren als ältere oder wohlhabendere Personen.

In letzter Zeit haben mehrere Länder wie z. B. Frankreich, Irland, Kanada, Südafrika, Thailand und das Vereinigte Königreich erkannt, dass sich eine Anhebung der Tabakpreise positiv auf die Gesundheit ihrer Bevölkerung auswirken kann, und deshalb die Tabakpreise erhöht, um den Gesundheitszustand ihrer Bevölkerung zu verbessern.

Die Tatsache, dass die Tabakproduktion jedes Jahr mit einer Milliarde Euro subventioniert wird, kann nicht mehr übergangen werden. Ich schließe mich David Byrne, dem EU-Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz an, der den Abbau der Tabaksubventionen in dieser Region gefordert hat, weil dies ein Schlüsselelement für die Entwicklung einer umfassenden und kohärenten europäischen Anti-Tabak-Strategie sei.

Der kürzlich veröffentlichte Bericht der Kommission für Makroökonomie und Gesundheit unterstreicht die Bedeutung von Anti-Tabak-Maßnahmen. Er zeigt, dass in den armen Ländern einige wenige Erkrankungen für einen hohen Anteil der vermeidbaren Sterbefälle verantwortlich sind und zielgerichtete Maßnahmen jedes Jahr das Leben von Millionen von Menschen retten könnten. Tabakbedingte Erkrankungen zählen zu diesen gesundheitlichen Beeinträchtigungen, was die Steuerung des Tabakkonsums für die Regierungen zu einer kostenwirksamen Investition macht.

Das Anti-Tabak-Rahmenübereinkommen, das Sie hier erörtern werden, ist Teil der globalen Lösung des weltweiten Tabakproblems. Das Ziel des Vertrags und der von Ihnen geführten Verhandlungen ist die Rettung von Menschenleben. Das ist der kleinste gemeinsame Nenner, den sich die Welt leisten kann.

Wir bitten Sie eindringlich, den Verhandlungsprozess transparent zu gestalten und den ungebührlichen Einfluss der Tabakindustrie zu unterbinden. Alle sollten zusammenarbeiten, damit wir ein wirksames Abkommen aushandeln, das alle Länder schützt. EU-Beitrittskandidaten und Entwicklungsländer überall auf der Welt können auf diesem Weg vorangehen und einigen Industriestaaten, die noch immer an den Tabak gebunden sind, die Richtung weisen. Niemals dürfen uns kurzfristige Gründe dazu bewegen, die Meßlatte tiefer zu legen. Sie muss oben bleiben: Das bedeutet gesündere Menschen und gesündere Menschen bedeuten weniger Armut.

EU-Kommissar Byrne sagte erst kürzlich: „Je mehr Fortschritte wir weltweit bei Anti-Tabak-Maßnahmen machen, umso mehr Leben können wir vor dieser Epidemie retten, und alle Beteiligten müssen auf diesem Weg harte Entscheidungen fällen." Wir sind der zuversichtlichen Überzeugung, dass die Regierungen ihre Verhandlungen bis 2003 mit einem starken Anti-Tabak-Rahmenübereinkommen abschließen werden, das danach von jedem einzelnen Mitgliedstaat umgesetzt werden muss.

Alle acht Sekunden stirbt ein Mensch an den Folgen des Tabakkonsums.

Arbeiten wir alle gemeinsam daran, den Tabak in den Griff zu bekommen – um der Gesundheit unserer Länder und der Gesundheit unserer Kinder und Enkel willen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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